Lebenszeichen 6

Chile und Argentinien

Heading north // 10.03. – 25.03.2017 // Aktueller Standort: Salta (Argentinien)

Nachdem ein Blitz unser Flugzeug auf dem Weg von Punta Arenas nach Santiago beschädigt hatte, kamen wir mit knapp sechs Stunden Verspätung doch noch in Santiago an und wir tauschten Daunenjacke und Tee gegen kurze Hose und Bier. Am darauffolgenden Tag nahmen wir unsere neue Allradwohnung in Empfang und starteten den zweiten Teil unserer Reise, die Nordroute mit Endziel Atacama Wüste. Von Santiago ging es u.a. über Valparaiso, Uspallata, Mendoza, El Leoncito, Chilecito, Fiambalá, Cafayate und Cachi bis zum aktuellen Standort Salta. Dabei haben wir bereits einen Grenzübergang in knapp 3.200m Höhe hinter uns gebracht…es soll aber noch höher hinausgehen.

Unsere neue Wohnung

– ist traumhaft. Umziehen lohnt sich, jedenfalls in diesem Fall. Die erste Allradwohnung bewohnten wir zwischen Santiago und Ushuaia, bevor wir für den Weg zwischen Santiago und Atacama in unsere aktuelle Allradwohnung umzogen. Und wir haben uns gesteigert, von einem Wingle 5 der „Weltmarke“ Great Wall zum aktuellen Chinakracher-Modell Wingle 6. Ein durchaus deutlicher Unterschied der es dem Leatherman bislang erlaubt, nicht in Erscheinung treten zu müssen. Anders als bei der Vorgängerwohnung machen die meisten Schrauben hier nämlich was sie sollen – sie halten alles zusammen. Der pingelige Deutsche findet zwar auch hier Defizite, die sind jedoch nicht der Rede wert. Besonders die Möglichkeit eine noch höhere Maximalgeschwindigkeit erreichen zu können, erfreut meine weibliche Reisebegleiterin, wenn sie am Steuer sitzt. Ich hingegen bin zugegeben ein schlechter Beifahrer und wünsche mir in solchen Momenten, dass sich der Airbag präventiv und in weiser Voraussicht auf meiner Seite schon mal öffnet. Ein chinesischer Pick Up ist aus fahrdynamischer Sicht nun mal kein Porsche und südamerikanische Straßen entsprechen einfach absolut keiner Norm, die auf das Überleben der Fahrzeuginsassen abzielt. Wie dem auch sei, unterm Strich alles prima – unterm Auto kurzfristig jedoch nicht. Knapp 7.000km mit der alten Wohnung über teils haarsträubende Straßen – kein Problem für die Reifen. Keine 800km mit der neuen Wohnung über eher moderate Straßenbeläge – Reifen platt. Aus Erfahrung braucht es übrigens einen Deutschen und einen argentinischen Campingplatzbesitzer mit seinem Wagenheber, um den Reifen an einem chinesischen Pick Up zu wechseln. Andere Konstellationen hinsichtlich der Nationalitäten wären sicher auch möglich. Ich spreche kein Spanisch und er weder Deutsch noch Englisch. Er sagt etwas auf Spanisch und ich antworte auf Englisch, ohne verstanden zu haben was er gesagt hat. Er versteht wiederum nicht, was ich auf Englisch geantwortet habe…aber am Ende ist der Reifen gewechselt – Männer halt. Nach einem 25-minütigem Aufenthalt in der örtlichen Gomeria (einen Art Carglass für Reifen) am darauffolgenden Tag, war der beschädigte Reifen auch wieder geflickt und es konnte weitergehen. Wie es machmal bei Mietwohnungen so ist, irgendwann kommt der Wunsch nach Eigentum auf. Bei uns ist es nicht anders. Deshalb wird es für die nächsten Reisen keine Mietallradwohnung mehr geben, sondern tatsächlich verschiffbares Eigentum, das steht fest! Die Projekte gehen uns also nicht aus und die Welt ist groß. Fehlt nur noch das Geld – also bucht und bezahlt mich (freiberuflicher Texter & Projektmanager)!

Budget

– ein hoffnungsloser Fall. Wenn man eine solche Reise plant, kommt man selbstverständlich nicht drumherum, eine kleine Finanzplanung zu machen. Der Eurojackpot und ich waren hinsichtlich der Gewinnzahlen bislang noch nicht der selben Meinung, was eine Budgetaufstellung unumgänglich macht. Was die Berechnungen / Schätzungen / Recherchen taugen, zeigt sich jedoch erst vor Ort. Wie sich zeigt waren die Berechnungen zwar keine Vollkatastrophe, aber dennoch nicht ganz mit der Realität vereinbar. Zum Teil können wir das prima auf die hiesige Inflation schieben. Was kürzlich z.B. noch umgerechnet 10EUR gekostet hat, kann jetzt aktuell schon 14EUR kosten. Eine Tatsache die wir natürlich nicht mit eingerechnet haben. Es stellte sich heraus, dass die Camper-Lebenshaltungskosten sowohl in Argentinien als auch in Chile höher sind als vorab recherchiert. Weitere Budgetüberschreitungsfaktoren könnten in der überdurchschnittlich häufigen Beschaffung von rotem alkoholhaltigem Traubensaft liegen. Aus gesundheitlicher Sicht mache ich mir in diesem Zusammenhang aber erst Sorgen, wenn das morgendliche Müsli damit zubereitet wird oder der Morgenkaffee eine Cabernet Sauvignon Note aufweist. Was soll man aber auch anderes erwarten, wenn hier ein Weingut neben dem anderen liegt. Wir können also nichts dafür, man kann da ja nicht einfach so undegustacióniert dran vorbeifahren. Realistisch betrachtet kann dieser Posten aber auch nicht das Haushaltsloch verursacht haben. Es gab schlicht und ergreifend Kosten, die vorab in diesem Umfang nicht absehbar waren…aber vor allem natürlich die Inflation…böse Inflation!!! Machen wir uns nichts vor und sagen wir einfach wie es ist: wenn wir wieder zu hause sind, freuen wir uns über eure Einladungen zum Essen…wir revanchieren uns auch mit Reisegeschichten und schönen Fotos;-)

Menschen

– man kann sie leider nicht alle ohrfeigen. Die Müllthematik hatte ich ja bereits angesprochen…und es wurde bislang auch nicht besser. Mein absoluter Tiefpunkt diesbezüglich: Playa las Docas in der Nähe von Valparaiso (Chile). Die Nacht verbrachten wir an den Klippen oberhalb des besagten Strandes. Ein wunderschöner Ort, der auf den zweiten Blick aber auch schon mal müllbefreitere Tage gesehen haben muss. Am nächsten Tag fuhren wir runter zum Strand und wir trauten unseren Augen kaum – der ganze Strand eine einzige Müllhalde. Das war neu und überstieg jegliches Maß an Toleranz hinsichtlich der allgemeinen Dummheit der menschlichen Erdbevölkerung. Und anstatt seinen Müll vom Strand einfach wieder mit nach Hause zu nehmen, wurden die Müllberge einfach immer höher aufgetürmt (beobachtet). Kurzzeitig habe ich versucht auszurechnen, wie viele der anwesenden Müllverursacher ich spontan und rachelos ohrfeigen kann, bevor wir die Flucht ergreifen. Aufgrund des beschwerlichen Fluchtweges ergaben die Berechnungen keine befriedigend hohe Anzahl von Ohrfeigen, weshalb ich diese Sanktionsmaßnahme dann etwas widerwillig unterlassen habe. In Ushuaia haben wir von unserem Segel-Skipper erfahren (er selbst Argentinier), dass sich die Menschen hier lediglich um ihren eigenen kleinen Mikrokosmos kümmern – wenn mich eine Sache nicht unmittelbar negativ betrifft, dann ist es mir egal und es gibt keinen Grund zu handeln. Dazu passt auch die Begegnung mit…nennen wir sie mal Frau X (Name von der Redaktion frei erfunden). Auf dem Weg von Barreal nach Ischigualasto sahen wir am Straßenrand ein beginnendes Feuer. Selber löschen nicht mehr möglich, schon zu viel Feuer und zu wenig Blaseninhalt. Beim nächstgelegenen Pseudotouristeninformations-sondern-eher-ramsch-vetriebs-unternehmen weist Julia die dort arbeitende Pseudotouristeninformations-sondern-eher-ramsch-vetriebs-Fachangestellte auf das beginnende Feuer hin und bittet sie entsprechende Hilfe zu organisieren. Julias Spanisch ist mehr als ausreichend, um dies verständlich zu vermitteln! Leider scheint Frau X nicht so richtig in der Stimmung zu sein das Telefon zu benutzen. Sie packt also eine kleine Straßenkarte aus und sagt, dass wir doch einfach in noch einen anderen Ort fahren sollen, um dort irgendwo das Feuer zu melden. Julia versucht erneut Frau X das Telefon schmackhaft zu machen, um einen Großbrand zu vermeiden. Sie nickt, sagt „sí, sí“ und stochert erneut mit den Fingern auf der Straßenkarte herum. Julia versucht es erneut, was jedoch die gleiche sinnbefreite Reaktion bei der Pseudotouristeninformations-sondern-eher-ramsch-vetriebs-Fachangestellten auslöst. Entnervt gibt Julia auf und stürmt aus dem Laden: „Die hat keine Lust die Feuerwehr zu rufen, die macht nix. Wir sollen irgendwo hinfahren.“ Bislang habe ich alles aus dem Auto beobachtet, jetzt reicht es mir aber und ich gehe selbst zu Frau X. Mit einer Art Sprachinkontinenz und Zeichensprache versuche ich die Angelegenheit souverän und freundlich zu meistern.

Ich: „You teléfono?“

Frau X: „Sí, sí“

Ich: Ok…fuego over there, un kilómetro this dirección. Teléfono Bomberos por favor!“

Frau X: „Si…Policía?“

Ich: „Policía, Bomberos…i don’t fxxxxxx care, but please call jemanden davon“

Frau X: „Aaah sí…ok.“

Und tatsächlich, sie greift zum Hörer. Zum Glück spreche ich so hervorragend Spanisch. Nachdem ich den Laden verlassen hatte, hat sie bestimmt wieder aufgelegt, aber wir haben immerhin alles versucht. Darüber hinaus scheint es hier generell eine gewisse Sprachsturrheit in Verbindung mit Transferleistungsablehnung zu geben. Spricht man ein Wort nicht exakt richtig aus, wollen die Einheimischen einen nicht verstehen. Ach herrlich manchmal. Aber eines muss ich definitiv klarstellen und ganz deutlich sagen: wir hatten hier auch schon ebensoviele positive, freundliche und herzliche Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung! Über das Negative lässt sich lediglich besser schreiben;-) Und hey, in Deutschland ist es doch nicht anders…man begegnet sowohl Idioten als auch netten Menschen.

Begegnungen

– sind genauso viel wert, wie die Reise an sich. Neben der einheimischen Bevölkerung trifft man Unterwegs mal mehr, mal weniger (je nach Region und Reisezeit) gleichgesinnte Overlander. Es ist wirklich spannend, was für Reisegeschichten in diesen Menschen stecken und wieviel sie schon gesehen und erlebt haben. Von der Zwei-Wochen-Urlaubsreise bis zur kompletten Auswanderung ist alles dabei. Menschen, die Haus und Hof gegen einen MAN Truck mit Camperaufbau tauschen und Deutschland für immer den Rücken kehren. Menschen, die ihre Jobs gekündigt haben, um ein Jahr eine Auszeit zu nehmen. Die Motive sind dabei so vielfältig wie die Reisegeschichten. Es kann dann schon mal vorkommen, dass man sich so gut mit anderen Reisenden versteht, dass man einen Teil der Reise gemeinsam macht. So jedenfalls bei uns geschehen und aus dem dynamischen Duo wurde das lustige Quartett. Kulturelle Unterschiede spielen dabei anscheinend keine große Rolle und wir haben uns schnell an die exotische Herkunft der beiden gewöhnt – Köln. Kölsch und Alt tauschen wir aber nur allzu gern gegen argentinischen Wein…und auch sonst haben wir jede Menge Spaß zusammen. Das obligatorisch Asado (Grillen) darf beim Zusammenzreffen fremder Kulturen natürlich auch nicht fehlen. Wer übrigens wissen möchte, wie man mit einem VW T3 Bulli ohne Klimaanlage ein Jahr lang von Süd- bis Mittelamerika kommt, der sollte mal hier schauen was Sandra und Timo bislang so erlebt haben! Vielen Dank für die tolle Zeit mit euch und die Ansteckung mit dem „Ich-will-auch-nen-Bus-Virus“.

Fakten:

  • bisherige Autokilometer: 10.049km
  • bisherige Wanderkilometer (inkl. Citygelatsche): ca. 191,1km
  • bisherige Liter Rotwein: genügend
  • bisher beschädigte Sachen: Flugzeug, Bus des ÖPNV in Mendoza, Autoreifen…
  • wenn ein großer Topf Honig auf der PickUp Ladefläche ausläuft, dann ist das eine klebrige Angelegenheit
  • Budgetstatus: uiuiuiui…
  • Pfannenwender heißt dank Julia nun Steakumrührer
  • in Kürze beginnt das Akklimatisierungstraining, damit wir uns ohne Höhenkrankheit auf über 4.000m aufhalten können

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